Karins Randbemerkungen PDF Drucken E-Mail

Karins Randbemerkungen
Smoking Areas

In Alberta ist es nicht nur verboten, in öffentlichen Räumen zu rauchen, man muss sich draußen mit der Zigarette auch mindestens 5 Meter vom Eingangsbereich entfernen. Wer trotz des Verbots z.B. im Hotelzimmer raucht, muss mit 100 – 300 Dollar „Reinigungskosten“ rechnen. Als ich das alles in Erfahrung brachte, habe ich kurz überlegt, diese fabelhafte Tournee abzubrechen und nach Hause zu fliegen. Doch nach einer Woche hier kann ich sagen, dass diese Regeln auch Gutes zur Folge haben: erstens rauchen wir alle viel weniger, was ja wahnsinnig gesund sein soll, und zweitens kommt es an diesen legalisierten Raucherzonen zu sehr interessanten Begegnungen. Ich habe mit einem Farmer gesprochen, einem Ingenieur in der Gasbranche und anderen. Man steht auf Aschenbecherbreite zusammen, trotzt der Kälte und spricht über Rush Hours, Second Honeymoon, Energieverschwendung, Waffenbesitz und Gesundheitssysteme. Das sind Gespräche, die nur dank des Rauchverbots stattgefunden haben. Wieder einmal sieht man : Rauchen ist Kommunikation und Smoking Areas sind vielleicht die Keimzellen einer neu entstehenden Gesellschaft...
alt

 

Aircondition fordert Opfer

Das größte Problem in Kanada ist für uns nicht die Kälte, sondern die permanente Zugluft der Aircondition-Systeme. Immer sind wir permanenter Zugluft ausgeliefert, die Nasen bluten, die Schleimhäute trocknen aus, und im Haus braucht man einen Schal.
Und jetzt hat es Tom erwischt: Husten, Schnupfen, Heiserkeit nach 12 Stunden fast pausenlosem Aufbau, Abbau, Umbau im Theater war er der Zugluft nicht mehr gewachsen. Wir wünschen ihm gute Besserung!

Die Welt ist sooooo klein
Calgary, 15. Januar 21.15 Ortszeit
Michael trifft nach unserer ersten Aufführung von „Body Fragments“ in Calgary in der Bar nebenan eine alte Schulkameradin...

16. Januar 21.30 Ortszeit
nach der zweiten Aufführung von „BF“ treffen wir in der Bar mit einer Schauspielerin aus Calgary zusammen, die sehr begeistert ist von „BF“ , und im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass sie auch schon mit dem Theater Krepsko aus Prag zusammengearbeitet hat, mit dem wir ja gerade im Oktober unsere „Rottenhammer“-Koproduktion gemacht haben...
Es ist so ein schönes Gefühl, dass diese relativ kleine „alternative“ Theaterszene ein so großes Netz über die gesamte Welt spannen kann, dass man immer wieder Leute trifft, die die gleichen Ideen haben, die gleichen Ziele verfolgen...

17. Januar 16.00 Ortszeit
Auf dem Weg zum Hotel, zwischen unseren beiden Aufführungen, werden wir auf deutsch angesprochen und zu unserer Aufführung beglückwünscht uns der Cousin von der Leiterin des Bielefelder Bauernhausmuseums, und erzählt uns noch, dass er im Oktober auf unserem Festival in Bielefeld unsere serbischen Freunde von „Plavo Pozoriste“ gesehen hat....

Die Welt ist noch viel keiner als ich dachte
Karin

Karins Randbemerkungen II

Smoking Areas II
Das Rauchen gerät zur Mutprobe und wird immer komplizierter. Auf dem ganzen Campus werden keine Zigaretten verkauft, man muss also gut voraus planen. Aber momentan hält eine Schachtel Zigaretten ziemlich lange, nicht nur, weil Zigaretten hier so teuer sind, oh nein: hauptsächlich, weil die kanadische Kälte uns jetzt erreicht hat.
Als ich heute morgen nach draußen ging, um 5 Meter vom Eingang entfernt ! eine Zigarette zu rauchen, verschlug es mir vor Kälte den Atem. Obwohl ich völlig vermummt war - nur ein Schlitz für die Augen und ein kleines Loch vor dem Mund für die Zigarette waren der Kälte ausgesetzt - ging das Rauchen etwa doppelt so schnell wie normal. Meine Fingerspitzen wurden in Sekunden taub und der eisige Arktiswind fegte durch jedes nicht vorhandene Loch in meiner High-Tech-Kleidung. Als ich endlich fertig war, denn von Vergnügen kann ich wirklich nicht reden, ging ich in den Aufenthaltsraum für die Studenten, The Ship genannt, und traf auf Indira, die mich mit Wahnsinn und Entsetzen in den Augen fragte: Hast du auch schon versucht, draußen eine zu rauchen? 
Momentan rauchen wir ca. 7 Zigaretten am Tag, mehr kann man einfach nicht schaffen unter diesen Bedingungen…. Aber wir werden nicht aufgeben..

The Brigde – eine Polarexpedition
Ausgerechnet heute, - 21° mit eisigem Arktiswind, geht es zu Fuß Richtung Downtown. Nur die 112. Avenue, dann am Ende links und über die Brücke, dann seid ihr da hieß es.
Das schien einfach…bereits am Ende der 112. merkte ich, dass meine Thermohose bei diesen Temperaturen versagt, aber Umkehren gilt nicht, also weiter, denn die Daunenjacke hält, was sie verspricht, und die zwei Kapuzen, der Schal und der Gesichtsschutz aus hochwertigem Fleece, sowie die guten Handschuhe und die extra isolierten Schuhe müssten die Schlappe der Hose aufwiegen….auf der Brücke, die sich, wie sich herausstellt, endlos über den Fluss und sein breites Tal hinzieht, beginnt der Kampf: rechts von uns die Autos – links der Abgrund –vor uns die endlose Brücke – weit am Horizont die Skyline! Meine Beine werden von Millionen feinster Nadelstiche gepiesackt, die Wimpern kleben zusammen, am Rand der Kapuzen Raureif, das linke Auge geschlossen, das rechte, nur soweit geöffnet um die nächsten zwei Meter Wegstrecke erkennen zu können, jetzt nicht nachdenken, einfach immer weitergehen, schnell, damit das Blut in den Beinen nicht gefriert, die linke Hand vor den Augenschlitz, denn der Wind kommt von links und greift den Wangenknochen an. Warum sind denn keine anderen Fußgänger unterwegs? Nicht reden, das ist Kraftverschwendung, nicht stehen bleiben, um sich die eventuell vorhandene Schönheit des Tals anzusehen, jetzt geht es nur ums Überleben…
GESCHAFFT!! Jetzt aber schnell mit der U-Bahn zurück bevor ich mir eine Lungenentzündung einfange und nicht mehr spielen kann!! Downtown ist bestimmt sowieso nicht so interessant….

Fake – Jake oder Das Ende der blauen Mauritius
Wir sind alle ziemlich beschäftigt: Thomas und ich haben uns heute morgen heimlich aus der Mittelstraße geschlichen, sitzen jetzt in einem kleinen Cafe in Theesen und hoffen, dass uns hier keiner erkennt. Wir denken uns gerade die neusten Kanada-Abenteuer aus. Indira und Michael überlegen schon, wohin die nächste gefakte Tournee gehen soll, Tom sitzt am Rechner und bearbeitet und manipuliert fleißig alte Fotos: Schneelandschaften einbauen, Lichtverhältnisse ändern, etc., Siegmar zweifelt noch, ob die Idee, eine Kanadatour zu erfinden, politisch einwandfrei ist, hat sich aber bereit erklärt, einige interessante Pressekritiken kanadischer Zeitungen zu schreiben. Wir haben also alle viel zu tun. Immer, wenn meine Schwester in die Mittelstraße kommt, um die Blumen zu gießen, oder die Nachbarin nach der Post sieht, müssen wir uns mucksmäuschenstill verhalten und die Heizung dürfen wir natürlich auch nicht aufdrehen, dass würde uns verraten.
Das nächste Mal werden wir uns nicht in Bielefeld verstecken, sondern auf eine warme Insel fliegen und von da aus unseren Weltruhm entwerfen….Wer weiß schon, wo wir wirklich stecken, alle Informationen kommen aus dem Netz.
Was habe ich mich früher gefreut, wenn ein Brief aus Amerika von meiner Tante kam. Diese hauchdünnen blauen Umschläge mit airmail drauf und wahnsinnig exotischen Briefmarken und Poststempeln. Man konnte ihn anfassen, riechen, vorsichtig öffnen, die Marke abtrennen und aufheben. 
Jetzt kommt alles aus dem Rechner in Times New Roman oder Arial oder fingerpop.
So, hier liegen inzwischen 2,50 Meter Schnee, ich werde mich jetzt durch den Sturm schlagen, um diesen Brief zum Internet zu bringen, drückt mir die Daumen, dass ich durchhalte….

Karin 

Karins neueste Randbemerkungen

Comme ci Comme ca

Rue Sherbrooke, Montreal

"Bonsoir Madame, le clè du chambre 222 s'il vous plait?"

"Oh, sieh mal, im Zimmer gibt es einen echten Heizkörper!"

"Madame, ou je peux äh reguler(?) la temperature du ‰h heating?"

"You can open the window if it is too hot and you can put a wet towels over the heating."

"oh, äh merci, ca c'est très pratique?"

MERDE

Der Frankokanadier wünscht wie alle Franzosen ein ordentliches "Merde!" vor einer Aufführung. Der Anglokanadier wünscht "Break your Leg!". Als ich auf die Frage, was man den Schauspielern in Deutschland wünscht, antworte "Hals- und Beinbruch!" schallt mir ein vielfaches erstauntes "Oh, my god!" entgegen? Vielleicht übertreiben wir es mit dem Glück doch ein wenig in Deutschland?

Sie lieben es!

Sie lieben es, die Frankokanadier, wenn man in den verstaubtesten  Winkeln seines Gehirns nach Resten von Schulfranzösisch kramt und fündig wird. Kommt man ihnen mit englisch oder gar deutsch, verschlie?en sich die Gesichter oft, die Augen verlieren den Glanz, leichte Zornesfalten laufen über die Stirn oder man wird schlicht komplett ignoriert. Streut man aber ein kleines "Merci beaucoup Monsieur" oder ein "Oh la la..le soleil, un couche-mar ..mon ami etc" in sein, mit Händen und Füßen verstärktes Kauderwelsch, dann sieht man in strahlende Augen und aus verschmitzten Mündern kommt ein "Bitte schön! Mit Zucker?"

Sie lieben es! Zone de fumer

Heute beginnt es zu tauen. Gestern Minus 15 Grad, heute tropft es von den Dächern. Und es tropft nicht nur? Überall hört man ein Knirschen und Krachen und man sieht, wie 1,80 Meter lange Eiszapfen sich lösen und auf der Strasse zerschellen. Da man zum Rauchen nach drau?en muss, sich aber gerne etwas unterstellt, damit man windgeschützt ist, bekommt der Satz "RAUCHEN KANN TÖDLICH SEIN"  in Kanada doch noch mal eine ganz neue Bedeutung? (stimmt's Hanno?!)

 

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